Der Schweinehirt und die Holzmuoja

Vor langer, langer Zeit da lebten die Bauern in Flechtingen noch auf der anderen Seite des großen Teiches. Am Südwestufer in Richtung des Baches, der „Kleinen Renne“, auf einem Hügel über den sumpfigen Wiesen, da standen ihre Hütten. Einige Bauern hatten bereits ein Wohnhaus, das doch eher einem Turm ähnelte, aus Bruchsteinen erbaut, andere, besonders die älteren Häuser, waren aus Eichenbalken gezimmert. In die Seitenwände waren „Staken“, Holzstäbe, eingezogen und die Zwischenräume mit Lehm verstrichen.

In so einer Hütte lebte der junge Schweinehirt Kersten mit seinen Eltern und weiteren vier Geschwistern. Sein Vater Jan hatte acht Morgen Wiesen und Acker zu bewirtschaften, das reichte aber nicht aus, um die Familie zu versorgen. Er ging deshalb an fünf Tagen in der Woche zu seinem Schwager, dem Mathies Duckstein, um wie auch andere kleine Bauern des Dorfes Bausteine  zu schlagen. Mathies hatte vor einigen Jahren südlich, unweit des Dorfes, einen „Plack“, eine Fläche gefunden, auf der man gute Steine zum Bauen aus dem Fels schlagen konnte. Die Steine brauchte der Ritter Heinrich, der auf der Felseninsel im Teich eine feste Burg bauen wollte. Schon Albrecht, der Urgroßvater des Ritters, hatte beim Grafen von Lestein als Hauptmann gedient und zum Dank für seine treuen Dienste einige Dörfer der Grafschaft zu Lehen empfangen. Lange wohnten die Ritter auf der Festung „Diepen“ aber vor einigen Jahren, nachdem der letzte Graf von Lestein verstorben war, zogen sie auf die alte Burg nach Flechtingen. Nun war die kleine Burg, inmitten der sumpfigen Wiese, recht baufällig geworden. Nur ihre Grundmauern waren aus Stein. Der große Wohnraum war wie die Bauernhütten nur aus Holz und Lehm. Weil die alte, kleine Burg so baufällig und nicht mehr wehrhaft war, hatte der Landesfürst, der askanische Markgraf im fernen Brandenburg, dem Ritter aufgetragen, eine neue, feste Burg in Flechtingen zu bauen. Für den Neubau wurden auf „Ducksteins Plack“ die Steine aus dem Fels gebrochen. Die kleinen Brocken, die sich zum Bau nicht eigneten, wurden fein zermahlen, um dann dem Kalkmörtel beizumischen. Sie geben den Mauern einen festen Halt.

Kersten war zu einem jungen Mann herangewachsen. Vor einer Woche war er auf der Bauernversammlung, die auf dem Dorfplatz unter der alten Eiche abgehalten wurde, zum Schweinehirten des Ortes ernannt. Das war ein besonderer Tag für ihn, denn seit zwei Jahren trieb er Tag für Tag, als Gehilfe seines Großvaters Karl, die Herde in den Wald zur Mast. Doch vor ein paar Tagen, als der lange, kalte Winter endlich vorbei war, ist sein Großvater an einem schweren Husten verstorben. Die Stelle des Schweinehirten musste neu vergeben werden. Der Bauernmeister Diederich hatte Kersten auf der Beratung für den Posten vorgeschlagen und die restlichen Bauern stimmten zu.

Es war am späten Morgen, die Sonne stand schon im Südosten, da legte Kersten seinen grünen Umhang an, setzte den Filzhut mit der breiten Krempe auf, und trat aus dem Haus. Kräftig blies er in das Tuthorn, das er von seinem Großvater übernommen hatte.

„Tuut, tuut, tuut, Olsche, komm Olsche, komm raus!  Macht die Tore und Gatter auf, lasst die Säue und Ferkel raus! Komm Olsche, komm Olsche, komm raus!  tuut, tuut, tuut!“

Bis auf die beiden starken Zuchteber, von denen einer bei Diederich dem Bauernmeister und der andere beim Pastor Zacharias im Stall stehen, folgt das restliche Borstenvieh Kersten nach. So zieht der junge Hirte westwärts in den Eichenwald zur Mast. Auf dem Gänseanger an der Furt, kurz hinter der Stelle wo der plätschernde Hainbuchenspring in die Kleine Renne fließt, wartet schon Walther, der Gänsehirte von Flechtingen. Er ist besorgt, dass die wilde Schweinehorde seine Gänse auseinander treibt. Schnell läuft er Kersten entgegen, um die Schweine auf dem Triftweg schneller voranzutreiben. Das ging noch mal gut, die Gänse beruhigen sich wieder und Walther kann sich ins Gras setzen und eine neue Holzflöte schnitzen.

Kersten ist mit den Schweinen im Wald angekommen. Sofort fangen sie an, unter den alten Bäumen mit ihren Rüsseln nach den keimenden Eicheln zu wühlen. Schnecken, Würmer, junge Triebe, ja selbst die braunen Blätter des Vorjahres, seine Schweine fressen alles. Der Schweinehirte hat noch eine andere wichtige Arbeit zu verrichten. Aus einem hohlen Baumstumpf zieht er eine große scharfe Axt hervor. Entlang des Weges zum „Kahlen Stein“ stehen seltsame Weißbuchen. Es sind beschnittene Hainbuchen. Sein Großvater hatte sie schon bearbeitet, so wie er es nannte, „geschneitelt“. Regelmäßig, alle acht Jahre werden die großen Äste herausgeschlagen, zerkleinert und gebündelt. Das Holz brauchen die Frauen im Dorf zum Kochen und Backen und vor allem als Feuerholz in der kalten Winterzeit. Später, wenn der Sommer sich dem Ende neigt, muss Kersten die jungen Laubäste der Hainbuchen rupfen und bündeln. Die Reisigbündel werden unter die Vordächer der Häuser zum Trocknen aufgehängt. Im strengen Winter braucht man sie als Futter für die Kühe. Der Winter ist immer eine schwere Zeit für Mensch und Vieh. Doch jetzt, wenn die wärmende Sonne jeden Tag ein Stück höher am Himmel steigt, beginnt für Kersten die schönste Zeit.

Die Sonne steht im Süden, jetzt ist Mittag. Kerstens Schweineherde ist zur Senke in der Nähe vom „Kahlen Stein“ gezogen. Dort hat sich Wasser angesammelt und die Schweine suhlen sich im Schlamm. So können sie sich gegen die Stechmücken schützen. Im Morast fühlen sie sich wohl und grunzen vor sich hin. Kersten hat oben auf dem Felsen Platz genommen. Von hieraus kann er seine ganze Herde überblicken und seine wilden Schweine können ihm auch nicht zu nahe kommen. Er nimmt einen Schluck Wasser aus dem Ziegenbalg, isst das Stück Käse und den Brotknust, den seine Mutter ihm am Morgen in sein Bündel gesteckt hatte. Ein schöner Tag ist es heute. Kersten denkt zurück an die Zeit, als sein Großvater Karl ihn zum ersten Mal mitgenommen hat. Großvater wusste immer so schöne Geschichten zu erzählen. Am liebsten hörte er die Geschichten von der Waldfee, der Holzmuoja. Damals war er aber noch ein kleiner Junge – heute ist er ja schon fast ein Mann.

Kersten hatte sich niedergelegt, seine Augen waren ihm zugefallen. Doch was war das? Plötzlich fingen die Blätter der Bäume an zu rauschen, ein Wirbelwind zog über ihn hinweg. Ganz dicht an ihm lief eine schöne Frau mit wallendem Haar und weißglänzendem Gewand vorbei. War er etwa eingeschlafen und hatte nur geträumt? Kersten richtete sich auf. Nun hörte er sie seinen Namen rufen. Schon wollte er antworten, doch da erinnerte er sich an die mahnenden Worte seines Großvaters: „Antworte niemals mit ,ja’ immer nur mit ,he!’ – sonst jagt dich die Holzmuoja durch tiefen Morast und spitze Dornen“. Kersten rief laut: „He! Holzmuoja, lauf doch nicht fort, zeige dich!“ Der Jüngling sprang auf und lief der schönen Stimme nach. Er rannte zum Buttermilchberg, dort wo im Sommer die Schmetterlinge auf ihrem Hochzeitsflug tanzen, als plötzlich ein Nebel aufzog. War dies nicht das Zeichen, das er der Holzmuoja ganz nahe war? Kersten wusste von seinem Großvater, dass die Waldfee sich öfter am Holzmühlenteich aufhielt, um dort ihre Kleider zu waschen. Der Schweinehirt schlich leise in das Tal der „Großen Renne“. Hinter einer knorrigen Eiche hielt er sich versteckt. Glitzerten auf den Schlehenbüschen nicht die zum Trocknen aufgelegten seidenen Kleider der schönen Waldfee? Kersten stockte der Atem, kein Wort kam über seine Lippen. Dort vorn, wo das Wasser des Sees über die Felsen ins Tal herabstürzt, hockte ein schönes Mädchen und wusch ihre Kleider. Ihr langes Haar glänzte im Sonnenlicht. Als Kersten seinen ganzen Mut zusammen nahm, um das schöne Mädchen anzusprechen, knackte es im Unterholz, es grunzte und quiekte. Kersten drehte sich um und sah, dass seine Schweine ihm gefolgt waren, doch das Mädchen am Wasserfall war verschwunden. Hatte der junge Schweinehirte wirklich die Holzmuoja, die schöne Waldfee gesehen?

Die Sonne war schon weiter nach Westen gewandert. Es war Zeit für den Heimweg. Durch sein Abenteuer hatte sich Kersten weit vom Weg entfernt. Er musste sich beeilen, damit im Dorf keiner merkt, dass er sich von der Herde entfernt hatte. Mürrisch trieb er die Sauen auf dem Heimweg an. Ständig kamen sie vom Weg ab. Heute wollte auch gar nichts mehr gelingen. Hoffentlich merkt im Dorf keiner was. Auch konnte Kersten keinem seiner Freunde etwas von seinem Abenteuer erzählen, weil ihn doch alle nur auslachen würden, denn wer in seinem Alter glaubt denn noch an Märchen und Sagen – oder ?