Geschichte(n) der Flechtinger Kirche

Als im 13. Jahrhundert die Schencken von Dönstedt mit dem Dorf Flechtingen belehnt wurden, haben sie sicherlich zu ihrem Seelenheil und der Festigung des christlichen Glaubens der teilweise noch heidnischen Dorfbewohner, eine Kirche erbauen lassen. Genaue Erkenntnisse hierüber liegen nicht vor, aber ein Flurstück bei der alten Dorfstelle, in der Nähe der MEDIAN-Kliniken, heißt heute noch „Hinter der alten Kirche“.

Von unserer heutigen Kirche, gegenüber dem Lindenplatz, der einstigen Gerichtsstätte des Dorfes, erzählt uns die Sage, dass der Flechtinger Burgherr Barwert von Schenck sie von dem Geld, welches er dem Ablasshändler Tetzel abgenommen hatte, im 16. Jahrhundert erbauen ließ. Bereits im 18. Jahrhundert erfolgte ein Neu- oder Umbau. In das Gemäuer eingelassene Steine tragen die Jahreszahlen 1722 und 1727. Es war Jacob von Schenck, der den Bau durchführen ließ. Wichtige Bauelemente der alten Kirche wurden übernommen und machen heute unsere Kirche so sehenswert. Da wäre der alte Taufstein und die Kanzel, der große Alabaster-Altar und unter der Herrschaftsloge der Wappenspriegel des Werner von Schenck aus dem Jahr 1592. Auf diesem sind die ganzen verwandtschaftlichen Beziehungen der Familie von Schenck aus dieser Zeit aufgezeigt. Mit dem Bau der neuen Kirche wurden auch die Grabsteine vor dem Altar aufgenommen und an den Wänden der Kirche neu befestigt. Wer sich diese Grabplatten genau ansieht, der kann wie in einem Buch einen Teil der Geschichte von Flechtingen lesen.

Da finden wir z.B. eine junge schlanke Frau. Ihre Hände ruhen übereinandergeschlagen auf ihrem Bauch. Das linke Wappen über ihrer Schulter, ein Wolf, der über zwei Getreidegarben springt, sagt uns, dass sie aus dem Hause von Bartensleben stammt.

Die Umschrift auf dem Stein verrät uns, es ist Margarethe von Bartensleben, die Ehefrau des Werner von Schenck. Die Herkunft ihrer Mutter verrät uns das rechte Wappen über der Schulter. Sie stammt aus dem Hause von der Schulenburg. Das Wappen links unter ihren Füßen deutet daraufhin, dass die Mutter ihres Vaters eine geborene von dem Knesebeck war. Das Wappen rechts unten zeigt die Herkunft ihrer Großmutter, mütterlicherseits an. Sie war eine von Quitzow. Eine Besonderheit dieser Grabplatte ist der eingewickelte Säugling zu Füßen der Margarethe. Wir wissen, dass die junge Mutter bei der Geburt ihres dritten Kindes im Jahre 1587 gestorben ist, mit ihr auch das Kind.

Die Grabplatte ihres Ehemannes Werner von Schenck finden wir auf der linken Seite des Alabasteraltars. Um sein steinernes Bildnis gab es schon 1876 einen Kirchenstreit. Nein nicht sein kleiner Bierbauch war der Stein des Anstoßes, ...es war die Stelle etwas tiefer!

Waren es die hämischen Blicke der Frauen bei der Andacht oder war es der Neid der Männer auf den einstigen Burgherrn – es wurde der Antrag gestellt: Der Stein muss da weg!  Aber er steht bis heute noch da!

Auch die Flechtinger Kirchenglocken habe eine lange Geschichte. Einst läuteten drei Bronzeglocken vom hohen Turm. Doch schon 1844 entstand beim Sturmläuten ein Riss in der großen Glocke und sie verlor ihren Klang. Sie wurde in Halberstadt umgegossen und schon 1845 feierlich in Flechtingen geweiht.

Doch schon 1861 musste die zweite Glocke wegen eines Sprungs, dessen Ursache nicht nachzuweisen war, durch eine andere ersetzt werden. Da die dritte, die kleinste Glocke sich für das Flechtinger Geläut zu klein erwies, wurde auch sie in Halberstadt gleich mit umgegossen.

Im 1. Weltkrieg, am 31.07.1917 mussten nun die große und die kleine Bronzeglocke bei der Kriegswirtschaftsstelle in Gardelegen abgegeben werden. Doch auch sie konnten das Kriegsende nicht beeinflussen. Der Kaiser dankte ab, die Glocken waren weg.

1920 musste die Kirchengemeinde einen Kompromiss eingehen. Für die Summe von 5.000 Mark und unter Abgabe der verbliebenen mittleren Bronzeglocke, wurden in Apolda drei neue Glocken aus Stahl gegossen.

Für eine lange Zeit war dies die einzigste Lösung.

   

Neue Bronzeglocke in Flechtingen

Seit dem 01. Oktober 2000 erhebt die neue Bronzeglocke, die DONATA, hoch oben vom Kirchturm ihre klare Stimme. Die Geschichte der Glocke ist außergewöhnlich. Kersten von Schenck fand im Schlosspark von Flechtingen seine letzte Ruhestätte. Noch zu Lebzeiten hatte er bestimmt, dass bei seiner Beerdigung keine Kränze sondern eine Spende für die Flechtinger Kirche gegeben werden sollte. Es kamen über 8.000 DM zusammen. Die Kommune schenkte weitere 5.000 DM und viele Einzelspenden ermöglichten schließlich den Guß einer neuen Glocke. Die Flechtinger Pfarrerin Irene Heinecke regte den dänischen Künstler Anders Nyborg an, der auch schon die Skulptur im Kreisverkehr geschaffen hat, die Glocke mit einer Verzierung zu versehen. Der Künstler hatte die Idee.

Warum nicht einmal den Lebenskreislauf in Form einer Pflanze darstellen? Beginnend mit dem Samen, dem Wachstum, die Bildung der Knospe, die Entfaltung der Blüte, die Befruchtung, ein neuer Samen entsteht und schließlich das Verwelken. Der Gemeindekirchenrat wählte hierfür keine prachtvolle Rose, sondern den einfachen Löwenzahn. Voller Symbolkraft ist diese Pflanze in ihrem Jahreskreislauf. Selbst unter schwersten Bedingungen wächst und gedeiht sie. Die Kinder flechten aus ihrer Blüte den Kranz, sie bringt ihnen Freude, manch andere Menschen sehen in ihr nur ein Unkraut.

Die Flechtinger Einwohner kamen sehr zahlreich am Sonnabend dem 09. September, um beim Glockenaufzug dabei zu sein. Auf einer prächtig geschmückten Kutsche wurde die Glocke durchs Dorf gefahren. Und nicht nur Kirchengemeindemitglieder versammelten sich an diesem besonderen Tag. Alle lasen die Worte auf der Glocke: GLAUBE + HOFFNUNG + LIEBE.