Flechtingen im Mittelalter

Es war vor über tausend Jahren, als das Heer der Ungarn in unsere Gegend vordringt und bis zum Drömling eine furchtbare Verwüstung hinterlässt. Der Sachsenkönig Heinrich I. kann im Jahre 924 mit den Ungarn einen 9-jährigen Waffenstillstand aushandeln. Durch einen glücklichen Umstand gelang es ihm einen ungarischen Heerführer gefangen zunehmen und für dessen Auslieferung und einer Tributzahlung der Deutschen an die Ungarn, willigten die Ungarn in den Waffenstillstand ein. Diese Zeit von 9 Jahren nutzt Heinrich, um im Lande Fluchtburgen anzulegen und ein ständiges (stehendes) gepanzertes Reiterheer aufzustellen. Heinrich verfügt, dass ein Drittel des Ernteertrages auf den Burgen eingelagert werden soll und jeder 9. seiner Dienstmannen auf den Fluchtburgen Quartier nimmt.

927 setzt er seinen „Legaten“, den alten, erfahrenen Feldherren Bernhard aus dem Hause der Grafen von Haldensleben als Markgrafen der Nordmark ein. Zur gleichen Zeit sitzt in Walbeck ein anderes im Reiche sehr geachtetes Grafengeschlecht mit Graf Lothar I. als Stammvater, die Walbecker Grafen.

Schon 928 zieht Heinrich mit seinem Sohn Otto, dem Markgrafen Bernhard aus dem Hause Haldensleben, dem Grafen Lothar I. von Walbeck und vielen anderen großen Adeligen, mit der neuen Panzerreiterei gegen die slawischen Stämme östlich der Elbe und erobert 929 die Brennaburg, das heutige Brandenburg. Die Slawen, die bis dahin immer auf der Seite der Ungarn standen,  hatten ihre jährlichen Abgaben an den deutschen König verweigert. 

Im Frühjahr 930 schenkt Otto, der Sohn Heinrichs I., seiner Ehefrau Editha die Stadt Magdeburg als „Morgengabe“ (Hochzeitsgabe). Vermutlich beginnt er auch mit dem Bau der späteren Königspfalz. Magdeburg kommt als Grenzstadt zum Slawenland und deren Unterwerfung eine besondere Bedeutung zu.

936 auf dem Rückzug von seinem Italienfeldzug erleidet König Heinrich I. einen Schlaganfall und stirbt am 2. Juli in der Königspfalz Memleben an der Unstrut.

Am 7. August 936 wird sein Sohn Otto in Aachen zum deutschen König gekrönt.

König Otto I. gründet am 21. September 937 auf dem heutigen Magdeburger Domhügel ein Benediktinerkloster, das Moritzkloster, dort wo heute der Magdeburger Dom steht. Das Moritzkloster sollte der königlichen Familie als Begräbnisstätte dienen. König Otto begann das Kloster mit reichem Besitz auszustatten. Die Mönche sollten in die materielle Lage versetzt sein, ihren eigenen Unterhalt zu sichern, sowie Gottesdienste und Messen zum Andenken und Seelenheil der königlichen Verstorbenen zu verrichten. Die Klöster wurden auch zum Reichsdienst herangezogen. Sie mussten Abgaben entrichten, wurden mit Leistungen zum Heeresdienst herangezogen, auch hatten sie für den König und seinen Hof auf seinen Reisen zu „gasten“ (Gasthöfe, Gaststätten). Der König konnte aber nur die Dörfer und Höfe verschenken, die ihm selbst als Krongut gehörten. Oft waren es Ländereien, die als erloschenes Lehen an den König zurückgingen, das heißt, gräflicher oder anderer adeliger Lehnbesitz war in der Erbfolge ohne „männliche Erben“.

So geschehen ist es am 29. Juli 961. Der jetzige Kaiser Otto I., der Große, schenkt dem Kloster St. Moritz in Magdeburg seine Besitzungen u.a. die Dörfer Flechtingen (Flahitungun), Dönstedt, Wasserdal und Etingen.

Hier wird Flechtingen scheinbar als erledigtes Lehen genannt. Sollte es das Lehen der Grafen von Lestein gewesen sein?

Der Historiker Samuel Walter (1737 Magdeburger Merkwürdigkeiten) nennt dieses Geschlecht aber ohne urkundlichen Nachweis.

Am 15. April 965 wiederholt Kaiser Otto I. die Schenkung und nennt abermals „Flahtungun“.

Erst am 28. Juni 1152 hören wir wieder von „Flectingen“. Es ist Bischof Ulrich von Halberstadt, aus dem Hause der Grafen von Regenstein im Harz, der dem Kloster Hillersleben seine Besitzungen u.a. 2 Hofstellen in „Flectingen“ bestätigt.

Am 29. Mai 1220 bestätigt Papst Honorius III. dem Kloster Hillersleben seine Besitzungen und Freiheiten, u.a. in „vlechtigh“ 2 Hofstellen und 8 Joch

(ca. 4 ha, alte Maßeinheit).

Von der Familie von Schenck hören wir das erste Mal 1196, da werden Alvericus und sein Bruder Henricus de Dunstide (Dönstedt) genannt. Sie sitzen in ihrem „festen Haus“ (Burg) über dem Steilufer der Beber zwischen Hundisburg und dem Dorf Dönstedt. Den Brüdern gehören 4 Hufen Ackerland als „Eigentum“. Das entspricht ca. 25 bis 28 ha Land. Sie haben in vielen der umliegenden Ortschaften Land und Hofstellen zu Lehn vom Bistum Halberstadt.

1234 werden die beiden Brüder von Bischof Friedrich von Halberstadt, aus dem Hause der Burggrafen von Kirchberg, mit dem Amt des Schencken des Bistums Halberstadt belehnt. Heute würde das heißen – sie sind Minister für Getränke, für Anbau, Verarbeitung, Lagerung und Vertrieb. Ihre Aufgabe war es den Hopfen, Getreide und Weinanbau zu überwachen. Dafür zu sorgen, dass sich die Anbauflächen in einen guten Zustand befinden, dass die Abgaben ordnungsgemäß und pünktlich erfolgen, über die Braurechte zu wachen und natürlich seinem Lehnherrn, dem Bischof von Halberstadt bei seinen Hoftagen zur Verfügung zu stehen.

So ergab es sich, dass der „Schenck“ Heinrich, Sohn des Alvericus von Dönstedt, 1263 im Auftrag des Bischofs Vollrad von Halberstadt 1.000 Mark Silber vom askanischen Markgrafen Johann von Brandenburg in Empfang nimmt und das Geld nach Halberstadt bringt.

Seit diesem Jahr treten die beiden Brüder, die bischöflichen Schencken, Heinrich und Albrecht in den Dienst der askanischen Markgrafen von Brandenburg. Hier machen sie sich so verdient und beliebt, dass sie 1273 mit dem Dorf Flechtingen belehnt werden. 1273 ist auch das erste Jahr, in dem das Wappen der Schencken, die beiden Biber, damals zwei greifenähnliche Wölfe (!), auf Urkunden auftauchen.

Was war das für ein Dorf, mit dem sie belehnt wurden. Die kaum sichtbaren Reste der alten Dorfstelle finden wir heute vor dem Gelände der Kliniken, uns besser bekannt als „Kirchgärten“. Mitten in der Wiese erhebt sich ein kleiner grasbewachsener Erdhügel. Hier stand im 13. Jahrhundert ein festes Haus, von Graben und Wall geschützt. Der Erdwall war sicherlich mit hölzernen Palisaden bestückt. Diese Form der ersten „Burgen“ nennt man auch „Motte“, sie sind schon seit der Zeit der Römer bekannt. In trockenen Sommern kann man auch noch einen ca. 4 m breiten Streifen, vielleicht den alten Holzbohlenweg (Knüppelweg, Steindamm) in Richtung Park, Trafohaus, erkennen.

Im Vordergrund: Der Hügel der alten Burganlage

Im Westen war die kleine Burg von der „Kleinen Renne“ und der Einmündung des „Hainbuchenspring“ geschützt. An dieser Stelle deuten auch noch drei Flurnamen auf die alte Zeit. Das Gelände in Richtung Schützenhaus wird in alten Flurkarten als „Anger“ bezeichnet, der Sportplatzweg hieß „Trift“ und etwa dort, wo es zum Parkeingang geht, lag die „Hüffurt“, eine Furt, eine seichte Durchfahrt durch den Hainbuchenspring oder die Kleine Renne.

Am Rande der Kirchgärten, an der Stelle wo das Gelände zur Wiese hin abfällt, ragen noch alte Mauern aus Feldsteinen, verbunden mit hartem Kalkmörtel, aus dem Boden. Diese Grundmauern eines alten Gebäudes werden als die „alte Laubkirche“ bezeichnet. Doch vermutlich war es im 13. Jahrhundert ein alter Wohnturm, denn der Eingang des Gebäudes lag nach Osten (nord-östlich), was für eine Kirche aus dieser Zeit untypisch war. Auf der jetzigen Obstwiese wurden z.Zt. des Klinikbaus, bei den Obstbaumpflanzungen durch ABM, viele graublaue Haushaltskeramikscherben gefunden. Sicher war dort unser altes Flechtingen zu finden. Die meisten Häuser des Dorfes werden noch einfache Grubenhäuser mit Seitenwänden aus Holz-Lehm-Strohgeflecht gewesen sein. Die tiefreichenden Dächer waren mit Stroh oder Schilf (Ried) gedeckt. 

Mit den Brüdern Heinrich und Albrecht aus der dritten Generation wurde um 1300 die Burg auf der Felseninsel im See erbaut. 1307 nennt man sie erstmals Schencken von Dönstedt auf Flechtingen. Zu dieser Zeit werden die Bewohner des alten Flechtingen sicherlich zu ihrem Schutz in die Nähe der Schencken-Burg gezogen sein und dort ihr neues Dorf errichtet haben. Die Straße vom Kreisverkehr nach Hasselburg heißt heute noch „Vor dem Tore“.