Das Flechtinger Tetzellied

 

Tetzel, der es schlau bedachte,

Einst in Ablasszetteln machte,

Sei dies Liedlein hier geweiht,

Jetzo und für alle Zeit!

 

Ritter Barward rieb sich die Stirne:

Ist denn nichts drin in diesem Hirne?

„Ha..., jetzt hab ich’s“ ruft er froh!“

„Ja, so geht`s,  - ich mach es so!“

 

Er lässt sich seinen Klepper bringen,

Um sich eiligst ´rauf zu schwingen.

Jetzt macht er einen großen Satz,

Schon steht er auf dem Lindenplatz.

 

Denn hier steht Tetzel mit seinem Kasten,

Der predigt laut und ohne Rasten:

„Sünde, welche es auch sei,

Mord und Raub, Vielweiberei,

 

Alles kann ich euch vergeben,

Ja, sogar fürs ganze Leben! –

Wenn hier das Geld im Kasten klingt,

Gleich eure Seel, gen Himmel springt!“

 

Ritter Barward steht noch etwas ferne,

Er hört Tetzels Rede gerne,

Denn sie passt in seinen Kram,

Deshalb er auch zum Schauen kam.

 

Und die Leut, sie komm in Scharen,

Vor`m Fegefeuer woll`n sie sich bewahren.

Barward lacht und freut sich sehr,

Denn das Geld ward immer mehr.

 

Könnt Ihr auch mir die Sünd` erlassen,

Die mich balde wird erfassen?“

Spricht nun Barward Tetzel an.

„O – warum nicht, Herr Rittersmann!

 

Zahlt  Ihr bare 50 Gulden,

So sind Euch alle Sündenschulden

Und auch Euer Herz - für immer rein;

Hier ist der Ablassschein!“

 

Barward spricht: „Ich werde blechen,

aber Ihr müsst mir versprechen,

Alle Sünde – welcherlei,

Das sie mir vergeben sei!“

 

Das versteht sich!“ spricht der Pater,

„Von mir aus mordet Euren Vater

oder sucht im Raube Lohn!“

Barward blecht und geht davon.

 

Als nun der Ritter kommt nach Hause,

Da bestellt er ohne Pause,

Seine Knechte allzumal

Zu sich in den Rittersaal.

 

Höret, was Ihr jetzt erfahret!

Tetzel hat viel Geld gesparet,

Dieses Geld wird meines sein

Morgen Nacht beim Mondenschein!“

 

Wären da die 95 Thesen

Angenagelt nicht gewesen,

Tetzel hät`s noch weiter so getrieben,

In Flechtingen wär er gern geblieben.

 

Doch sein Hals saß in der Schere,

der Luther kam ihm in die Quere,

Die Reformierten kamen gar zu nah

Und Gefahr ist in der Masse da.

 
Deshalb machte er sich dünne

Mit erklecklichem Gewinne,

Wie ein Dieb um Mitternacht,

Hat er sich davon gemacht.

 

Um die Kasse mehr zu spicken,

Wollte Braunschweig er beglücken,

Denn diese Stadt bot Sicherheit

Bei dem wilden Kirchenstreit.

 

Unter mühseligen Plagen,

Kroch der schwerbelad`ne Wagen,

Richtung „Kahle Stein“,

In den finstren Wald hinein.

 

Tetzel schaut von seiner Mähre

Bangen Herzens in die Leere;

Denn die Nacht ist Niemands Freund

Wenn noch der Mond so helle scheint.

 

In des Waldes dunklem Schauer

Lag Ritter Barward auf der Lauer,

Denn er wusste, Tetzel zög`

Diesen öden Waldesweg.

 

Seine Knechte ringsum spähen,

Er kann ihnen nicht entgehen,

Denn noch vor dem Hahnenschrei

Muss er dichte hier vorbei.

 

Guten Abend, Männlein Gottes!“

Redet schlecht verhehlten Spottes

Der Rittersmann den Tetzel an,

Der vor Schreck nicht danken kann.

 

Halt, lasst uns sofort hier rasten!

Denn allzu schwer ist Euer Kasten.

Burschen ran, und ladet ab

Diese liebe Gottesgab!“

 

Ach, allmächt´ger Gott und Vater!“

Schreiet jammernd jetzt der Pater;

„Mann, was hab ich Euch getan,

Dass Ihr greift mich Armen an?“

 

Hab für alle Sündenschulden

Gestern erst mit 50 Gulden

Auch für diese Tat geblecht;

Darum Tetzel, tu ich recht!“

 

Tetzel hebt jetzt an zu fluchen,

Doch muss er das Weite suchen,

Denn ein wohlgezielter Hieb

Seinen Klepper vorwärts trieb,

 

Welcher rasend galoppierte

Und Herrn Tetzel mit sich führte.

„So den haben wir geprellt!“

Barward lacht und nimmt das Geld.

 

Der Ritter sitzet froh beim Humpen,

Nun braucht er sich nichts mehr zu pumpen,

Denn das nöt`ge kleine Geld

Hat ihm gar zu oft gefehlt.

 

Auch zeigt er jetzt Reue

Und durch des Ritters Schläue

Springt für das Dorf heraus

Ein schönes neues Gotteshaus.

 

Diese Geschichte ist keine Sage,

Denn Du siehst noch heutigen Tage

Kommst Du nach Flechtingen hin

In der Kirche Tetzels Ablasskasten drin.

 

Und die Moral von der Geschicht:

Vergebet zukünftige Sünden Nicht!

 Der Tetzelkasten in der Flechtinger Kirche

(umgeschrieben am 07.02.2001 von Kurt Buchmann, nach einem satirischen Volksgedicht aus dem 16. Jahrhundert)